Gesehen: Ein Herbstnachmittag (1962)

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Nach SOMMERBLÜTEN (1958) und SPÄTHERBST (1960), die Wut offen zur Schau trugen, habe ich nicht mehr damit gerechnet, noch einmal einen derart versöhnlichen und die bis dato oft kritisierte Generation/politische Klasse gewissermaßen in den Arm nehmenden Film von Ozu zu sehen.

Denn letztlich sehen wir hier eine nach dem Zweiten Weltkrieg allein- oder gar fallengelassene Generation. Eine, der unter der Herrschaft des japanischen Faschismus ein hohes Maß an Autorität zukam. Chishū Ryūs Figur etwa war Kapitän eines Kriegsschiffes. In dieser kleinen schwimmenden Welt war sein Wort Gesetz. Und nun ist er zurück in einem zivilen Leben. Die einzige Autorität, die er sich noch holen kann, ist die über seine Töchter – bisher. Aber auch diese Autorität schwindet immer weiter, jüngere Generationen fordernd zunehmend ein Sprengen der Ketten ein.

Ozu bleibt jedoch weit davon entfernt, die hegemoniale Männlichkeit dieser Generation zu entschuldigen. Aber er liefert einen Erklärungsversuch, blickt dafür noch einmal auf die komplexen Zusammenhänge und Abhängigkeiten der japanischen Gesellschaft sowie die Erfahrungen dieser Kriegsgeneration mit der männlichen Sicht im Hinterkopf.

Mit konservativ-autoritärem Anspruchsdenken die wichtigsten Entscheidungen im Leben eines anderen Menschen an sich zu reißen, ist falsch. Sich diesem Denken jedoch bewusst zu werden und sich daraufhin zurückzuziehen – für’s eigene Gewissen aber vor allem für das Wohl seiner Kinder – ein Zeichen, dass sich die Dinge in die richtige Richtung entwickeln.

Dass das dann auch noch Ozus letzter Film vor seinem Tod war, verleiht dem ganzen eine bittersüße melancholische Note. Denn es fühlt sich an, als ob er noch so viel zu sagen hatte und so wertvoll für die weitere zeitgenössische Gesellschaftsbeobachtung gewesen wäre.

★★★★½