Kinotagebuch: Poor Things (2023)

Ich muss schon sagen, dass ich den alten Yorgos Lanthimos vermisse. Eben den Filmemacher, der viel fragmentarischer gearbeitet und versucht hat, Form anders zu denken. Der mit Sprache und nicht quirky Wes-Anderson-Sets Welten konstruiert und geformt hat. Den mit avantgardistischer Ambition.

Nichtsdestotrotz ist POOR THINGS ein fabelhafter Film. Denn Emma Stone schafft es eigenhändig, die formale Kantenlosigkeit in den Hintergrund treten zu lassen. Sie muss die Entwicklung vom Kind zur Frau im Turbogang durchmachen und schafft es selbst bei diesem rasanten Tempo, ihre Figur mit emotionaler Nuancierung zu versehen, die einfach ansteckend ist. Diese unbändige Neugier, der regelrechte Spieltrieb, die konstante Irritation ob Mensch und Welt um sie herum – dem verleiht sie ohne einen Moment der Schwäche auf dieser langen Strecke brillant Ausdruck.

Letztlich waren es für mich zwei Punkte, die der Film – im Gegensatz zu einem Großteil seines Ansinnens – nie explizit ausspricht, die POOR THINGS in all seiner Brachialiät aber klug durchsetzen: Zum Einen ist da Bella mit dem Körper einer Frau, dem ein Mann das Hirn eines ungeborenen Babys einsetzt. Andere Männer verfallen wahrscheinlich gerade deshalb dieser Bella, weil sie glauben, dieses „unschuldige“ Wesen manipulieren und einfacher ihre moralische Verkommenheit verstecken zu können.

Zum Anderen gelingt es dem Film, die enge Verzahnung, ja das gegenseitige Bedingen von Kapitalismus und patriarchalen Strukturen zu einem Standbein der Geschichte zu machen und daraus resultierende Verhaltensmuster nachzuzeichnen – von den Männern, die Bella wie eine Ware behandeln bis zur Bordellchefin, die unter Vorspiegelung solidarischer Absichten lediglich selbst Profit aus Bella schlagen will.

All das schafft der Film konsequent aus der Perspektive von Bella zu erzählen und ohne die Figur in Trauma ertrinken zu lassen. Denn die Erkenntnis, wie die Welt funktioniert und wie sie mit diesem System brechen kann, zu der gelangt sie durch ihre Wissbegierde und ohne zynisch auferlegtes Leid.

Einfach Spaß macht es dann auch durch die Tatsache, dass POOR THINGS ist wie die beim Familienfest trocken an den unangenehmen Onkel gestellt Frage, was denn jetzt genau das Lustige an seinem rassistischen Witz ist – nur eben mit misogyner Gedankenakrobatik, die der Film konstant auflaufen lässt.

★★★★☆