Kinotagebuch: Der Junge und der Reiher (2023)

Nun wundert es wirklich nicht mehr, dass es Miyazaki nochmal ans Zeichenbrett getrieben hat. DER JUNGE UND DER REIHER ist in jedem Moment anzumerken, dass da noch etwas in ihm gearbeitet, wenn nicht sogar regelrecht gebrodelt hat. Denn dieser Film ist für mich unerwartet düster geraten, lässt stellenweise an Resignation grenzenden Pessimismus – oder Realismus? – gewähren.

Die Natur des Menschen und der Mensch in der Natur – die dortige Suche nach Einklang, nach Harmonie zieht sich durch Miyazakis ganzes Schaffen. Und hier hadert er, scheint über weite Strecken des Films keine Hoffnung mehr zu finden. Der Mensch ist gescheitert, jetzt schickt die Natur mit Fleischermessern bewaffnete Wellensittiche, um uns in Stücke zu hacken.

ABER… ein letztes Aufbäumen, noch einmal aus den Trümmern unserer Zivilisation wie der Phönix aus der Asche emporsteigen, dafür scheint es noch eine letzte kleine Chance zu geben.

Gekonnt stellt Miyazaki den Jungen weder in einer Utopie noch einer Dystopie auf die Probe. Stattdessen entwirft er eine Zwischenwelt – nicht Himmel, nicht Unterwelt –, in der die Grenzen zwischen magischem Realismus und Surrealismus verschwimmen. Dort muss sich der Junge sich selbst und der mitunter herzzerreißend schmerzhaften Wirklichkeit des Lebens stellen. Verlust, Trauma, Trauer und Hoffnung. Und dazu gehört manchmal auch, sich in den Schmerz hinein zu begeben, ihn nicht abzukapseln und in der Schweigespirale untergehen zu lassen.

★★★★½