Gelesen: „Blaue Frau“ (2021) von Antje Rávic Strubel

★★★★☆

Beim Abhaken des Buches auf Goodreads habe ich schon mit halbem Auge gesehen, dass das Werk bei vielen Leser*innen, sagen wir mal, etwas prätentiös angekommen ist. Vielleicht fehlt mir in Sachen zeitgenössischer Literatur auch einfach der Erfahrungshorizont, aber mir hat diese Art zu schreiben sehr gefallen – wie Antje Rávic Strubel anfangs fast schon staccatoartig formuliert, so die zunächst gebrochene Protagonistin spiegelt und daraus Stück für Stück eine Welt zusammenbaut.

Und von der Sprachästhetik mal abgesehen: Die Auseinandersetzung mit dem theoretischen Ideal Europa kommt nie richtig in Fahrt, eröffnet aber über den Begriff der „Dunkelstellen“ den Weg weg von der Kaum einzufangenden Dimension des Diskurses in Sachen europäischer Erinnerungspolitik und -kultur hin zu Dunkelstellen, die viele (sicherlich weitestgehend Männer) nicht als solche anerkennen wollen, sie als Lappalien Angesichts des Großen und Ganzen™ verharmlosen.

Dass das Buch keine wirklich Katharsis, Utopie oder wenigstens eine mit bissigem Kommentar verbundene Hinnahme der gesellschaftlichen Realität anbietet, lässt mich zwiegespalten zurück. Das schnelle Urteil lautet Faulheit. Nach weiterem darüber Nachdenken sehe ich eventuell ein angemessenes Stilmittel, weil es eben genau den gesellschaftlich nach wie vor dürftigen Umgang mit sexualisierter Gewalt spiegelt. Jedenfalls hat mich Blaue Frau dazu gebracht, noch einmal neu über bestimmte Themen nachzudenken. Und entgegen der Meinung einiger auf Goodreads weit oben gelandeten Kritiken hatte ich auch beim Lesen und nicht nur dem Denken Spaß.